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Citylife

Wussten Sie, dass die Kanadier in einer der am stärksten urbanisierten Gesellschaften leben? Über die Hälfte der bald 33 Millionen Bürger des Landes wohnen in den zehn größten Städten des Landes - Grund genug, sich einige näher anzuschauen. Von oben. Dort hat man den Überblick.

Die Aussicht, besagt eine alte Touristenweisheit, ist dort am besten, wo Kanonen stehen. Wahlweise können es auch Hausberge oder Funktürme sein. In Halifax, der Hauptstadt Nova Scotias, kann man jedoch noch über die Rohre alter englischer Donnerstöcke hinweg auf die Stadt herab blicken. Europäisch kompakt und übersichtlich, eher wie eine englische oder schottische Stadt - so wirkt Halifax. Man sieht Modernes, Postmodernes, Viktorianisches, Funktionales - Indizien, dass die Städteplaner Vernunft vor Gefallenwollen setzten. Dazwischen schaut das blaue Hafenbecken herauf. Hin und wieder schiebt sich ein Fracht- oder Kreuzfahrtschiff vorbei, von dem Schachbrett Häuser-Wasser-Häuser kollagenhaft zerschnitten. Halifax ist gerade mal 250 Jahre alt. Unamerikanisch ist die Fortbewegungsart der Haligonians. Büro-Arbeiter eilen ihren Jobs entgegen, Hausfrauen und -männer verstauen Einkaufstüten in Kofferräumen, Studenten und Touristen frequentieren Buchläden und

Coffeeshops. Alle sind zu Fuß. Die Bürgersteige sind voll. Das Zentrum lebt, auch nachts. Wer im Sommer um 22 Uhr die Wälle erklimmt, hört von tanzbarem Beat unterlegte Dudelsäcke heraufdringen. „Reel´n Roll" nennen die Haligonians das, was aus den Pubs auf die Straße quillt - eine Musik, so unverfälscht und ehrlich wie Halifax.

Montréal: Schnittpunkt der Kulturen

In Montréal, Québec, könne man keinen Stein werfen, ohne ein Kirchenfenster zu treffen. Die Beobachtung, mit der der amerikanische Humorist Mark Twain 1881 auf einem Bankett seine Gastgeber erheiterte, kann man noch heute nachvollziehen. Mit Abstrichen, natürlich. Vom Belvédère auf dem Hausberg der Millionenstadt, dem 250 m hohen Mt. Royal, erlebt man den vielleicht außergewöhnlichsten Luftraum Nordamerikas.

Postmoderne Bürotürme, viktorianische Giebel, neoklassische Kuppeln. Französische Werbetafeln, hässliche Feuertreppen. Und Kirchen, natürlich. Katholische, anglikanische, alte und neue, von Bürotürmen umzingelte und, jenseits des St.-Lorenz-Stroms auf dem Südufer, wie Teleskope aus dem Häusermeer herausragende. Montréal, die von einer hakenschlagenden Geschichte hin und her Geworfene. Montréal, die katholische, protestantische, französische, englische. Die Stadt vibriert förmlich vor Spannung und Widersprüchen, die aber, und gerade das lieben die Montréaler an ihrer Stadt, tagtäglich aufs Neue gelöst werden. Montréal ist der Schnittpunkt der Kulturen, die einzige Stadt auf der Welt, in der Frankophone und Anglophone miteinander leben, arbeiten und abends gemeinsam dem Ritual des „diner au restaurant" frönen. Der Luftraum erinnert an Boston. Und an New Orleans. Und lässt bereits ahnen, was einen da unten in der Downtown, die hier „Centre-Ville" heißt, erwartet: eine Schönheit mit Ecken und Kanten, dem höchsten Aufkommen an schnellen Honda Civics und mit einer lebensfreudigen Bevölkerung, die für ihre Toleranz in ganz Nordamerika berühmt ist.

Toronto: Die Größte

Die größte Skulptur Kanadas steht in Toronto, Ontario. Der 553 m hohe CN-Tower, eines der höchsten Bauwerke der Welt, prägt die Skyline der größten Stadt des Landes wie der Eiffelturm Paris. Von der 346 m hohen Besucheretage des schlanken, wie ein Federhalter am Himmel kratzenden Turms blickt man auf eine Stadt hinab, die Amerikaner gern als „no-nonsense" bezeichnen: Türme aus Stahl und Glas, den Himmel über dem Lake Ontario reflektierend, und vielspurige Highways, die endlose Autoschlangen in die Downtown schaufeln. Alles signalisiert die raison d'être der Stadt: Toronto ist das Finanz- und Bankenzentrum des Landes, hart arbeitend, nie stillstehend, ein Ergebnis der strenggläubigen Protestanten, die die Stadt vor 200 Jahren auf den Weg brachten.

Doch jenseits des Wolkenkratzerdickichts wird „T.O." grün. Dort liegen die „Neighbourhoods", die berühmten ethnischen Stadtviertel der Stadt, die aus der Mega-City ein Mega-Dorf mit dem besten Nachtleben und der besten Jazzszene Kanadas machen. Mit bloßem Auge erkennbar ist der Entertainment-Distrikt. Dort ist die nach London und New York produktivste Theater- und Musicalszene zu Hause, demnächst soll das Musical „Herr der Ringe" die Stadt ganz nach vorne bringen. Der Blick seewärts unterstreicht Torontos Ruf als urbanes Paradies: Das Wassersportparadies der Toronto Islands liegt unmittelbar vor der Haustür.

Dynamik hat einen Namen: Calgary

Von allen kanadischen Großstädten hat sich Calgary in Alberta wohl am weitesten von seinen Wurzeln entfernt. Von der Beobachtungsplattform des 189 m hohen Calgary Tower aus sieht man nichts, was auch nur entfernt an die alte Zeit erinnert, als Rancher ihre Herden durch die Stadt trieben und Calgary nur als „Cowtown" bekannt war. Glastürme, wohin man blickt, mit Namen, die unmissverständlich auf die neue Zeitrechnung verweisen: Petro Canada Tower, Bankers Hall, Home Oil Tower, Shell Tower, Esso Plaza. Die Gas- und Ölfunde seit dem Zweiten Weltkrieg machten aus den Ranchern Ölbarone und aus Calgary, kaum mehr als hundert Jahre alt, eine der dynamischsten Städte des Kontinents. Umso eindringlicher gemahnt ein Gebäude an die bodenständigen Anfänge. Das geschwungene Dach des Saddledome, des Austragungsortes der olympischen Eiskunstlaufwettbewerbe 1988, ziert ein Cowboysattel - und den Stolz und Individualismus der Albertans.

Bilderbuchlage: Vancouver

Last but not least: Vancouver. Vom Lookout des Harbour Centre, einer ufoähnlichen Aussichtsplattform in über 160 Metern Höhe, sieht man sofort, warum viele Kanadier am liebsten hier wohnen würden. Über Gastown, den historischen Stadtkern, und den tiefgrünen Stanley Park gleitet der Blick zum Pazifik, die Berge Vancouver Islands am Horizont. Landeinwärts erheben sich, zum Greifen nah, die Coast Mountains. Fazit: Segeln, Baden, Hiking und Mountainbiking im Sommer, Skilaufen, Rodeln und Snowshoeing im Winter. Und alles gleich vor der Haustür. Die Lage ist fantastisch. Nur noch San Francisco genießt solch eine Bilderbuchlage. Von oben wirkt Vancouver fast kalifornisch: Die im pastellfarbenen Abendlicht schimmernden Kondominumtürme wirken leicht und beschwingt, ihre gläsernen Wände reflektieren das Spiel der Wolken. Im Burrard Inlet heben Wasserflugzeuge ab zu Sightseeingflügen. Eine Weile sieht man sie noch, dann verschwinden sie in einer der Falten der Coast Mountains. Man atmet tief durch. Und bestellt im Café des Lookout noch einen Cappuccino.

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