von Stefan Endres, Berlin
"Unter dunklen Wassern" braut sich was zusammen
In ihrem zweiten Krimi-Roman verbindet die SZ-Korrespondentin Bernadette Calonego Diamanten mit Wasserflugzeugen, Freundschaften mit Freiheit sowie die Schweiz mit Westkanada. Nach ihrem erfolgreichen Debütroman „Nutze deine Feinde" hat Bernadette Calonego, als Journalistin in Vancouver u. a. für die Süddeutsche Zeitung und den Standard aus Wien tätig, nun ihren zweiten Krimi fertig gestellt.
In „Unter dunklen Wassern" geht es um die 33-jährige Historikerin Sonja Werner, die im Auftrag eines Schweizer Museums durch die kanadische Provinz British Columbia reist. Offiziell folgt sie den Spuren der Berliner Dichterin Else Seel (1894 - 1974), die einen kanadischen Trapper geheiratet und mit ihm in einer Blockhütte in der Wildnis gelebt hatte. Heimlich folgt Sonja aber auch den Spuren ihres Mannes Toni, eines Extremsportlers, der drei Jahre zuvor mit seinem Sohn Nicky bei einem mysteriösen Absturz seines Wasserflugzeugs in British Columbia umgekommen war. Sonja will endlich herausfinden, was ihr die Polizei verheimlicht. Sie vermutet auch, dass ihre langjährige Freundin Odette aus seltsamen Gründen untergetaucht ist, denn seit dem Flugzeugabsturz ist sie verschwunden.
Auf ihrer Reise begegnet Sonja immer wieder dem Mineningenieur Robert Stanford. Auch der Buschpilot Sam scheint mehr zu wissen, als er preisgibt. Und im Leben der Kanadierin Diane Kesowsky, Sonjas großzügiger Gastgeberin, gibt es dunkle Geheimnisse.In einem Camp von Diamantensuchern in der kanadischen Subarktis, wo Sonja bei ihren Nachforschungen schließlich landet, muss die Historikerin um ihr Leben bangen. Zum Schluss findet sie heraus, dass sich alles, aber auch wirklich alles ganz anders verhält, als sie je geahnt hat...
Um ein bisschen Licht in die „dunklen Wasser" zu bringen, hat das DKG-Journal nachgefragt
DKG-Journal: Frau Calonego, in Ihrem neuen Roman „Unter dunklen Wassern" geht es um Individuen, die aus unterschiedlichen Gründen von Europa nach Kanada gegangen sind: um die Autorin Else Seel, den Abenteurer Toni und natürlich Sonja Werner, die auf der Suchen nach den Geschichten er beiden nach British Columbia kommt. In wenigen Sätzen, was ist Ihre persönliche Kanada-Geschichte?
Als ich noch Auslandskorrespondentin der Süddeutschen Zeitung in der Schweiz war, habe ich Kanada mehrfach besucht, weil ich dort Freunden hatte. Während einer dreimonatigen Reise verliebte ich mich in das Land und auch in einem Kanadier. So entschloss ich mich als freie Korrespondentin in Vancouver zu leben. Vor sieben Jahren bin ich offiziell ausgewandert.
Welche der drei parallelen Handlungen hat Sie dazu bewegt, das Buch zu verfassen? Oder waren es von vornherein drei Ideen, die Sie in eine Erzählung einbinden wollten?
Nein, angefangen hat es mit Else Seel. Eines Tages entdeckte ich einem Zeitungsartikel über „Frauen im Wilden Westen". Else Seel stach als Dichterin aus Berlin, die ganz plötzlich nach Kanada ausgewandert war, aus allen anderen Pionierfrauen heraus, die meistens Bäuerinnen waren. Dann las ich ihr „Kanadischen Tagebuch", ein Werk, das sie 1964 veröffentlich hatte. Ich wollte aber keine Biographie daraus machen, weil ich ja Krimiautorin bin, sondern eine Art „Road Movie" in Buchform. Das andere ergab sich dann während des Schreibens.
Sie arbeiten schon seit sieben Jahren als Auslandskorrespondentin in Vancouver. Haben Sie viel Reales aus Pressemeldungen und Interviews in das Buch einfließen lassen?
Die meisten Schauplätze und manche Personen im Buch sind real, die Krimihandlung dagegen fiktiv. Ich habe beispielsweise als Journalistin ein Diamantenmine in der kanadischen Tundra besucht, bin eine Woche lang mit Wasserflugzeugen in Prince Rupert geflogen oder bin auf den Queen-Charlotte-Inseln gewandert. Bevor ich mit dem Buch anfing, sprach ich mit Menschen, die Else Scheel gekannten haben, zum Beispiel mit ihrem Sohn Rupert. Sicher inspiriert und unterstützt mich meine Tätigkeit als Journalistin. Aber dann setzt die Phantasie ein, und die Handlung entwickelt sich über die Fakten hinaus zu einem spannenden Thriller.
Fliegen Sie eigentlich nach dem Verfassen Ihres Romans noch gerne im Wasserflugzeug?
Ich liebe es ungemein, mit diesen kleinen Maschinen zu fliegen! Zwar muss ich gestehen, dass mir schon manchmal mulmig wird, zum Beispiel wenn der Pilot so eine Beaver mit dem Aufwind die Bergflanke hoch tragen lässt und dann die Maschine über den Grat ins Leere kippt. Aber die Sicht ist unvergleichlich!
Nach Ihrem intensiven Recherchen zu Else Seel (1894-1974), die das Berlin der 20er Jahre verließ, um sich in B. C. niederzulassen: Welche ist Ihre Lieblingspassage aus Seels persönlichem nicht veröffentlichten Tagebucht?
Mir fiel auf, dass sich Else Seel - oder vielleicht verlangte das auch ihr Verleger - in ihrem veröffentlichen Buch vor allem als starke, zähe, durch nichts zu entmutigende Pionierfrau darstellt. In ihrem persönlichen Tagebuch wirkt sie viel verletzlicher, offener und vielschichtiger. Mir gefällt die Stelle am besten, wo sie sich eingesteht, dass sie vielleicht die langen schmerzlichen Trennungen von ihrem Mann, einem Trapper und Goldsucher, trotz ihrer Einsamkeit braucht, um ihre Freiheit zu haben. Sie schrieb:"(...) jeden Tag kommt Georg - aber er ist und bleibt entfernt. In den letzten vier Monaten habe ich ihn gerade vier Tage gesehen! Es ist so eigenartig: wie ein fremder Mann erscheint er ab und zu, bringt ein paar stürmische Tage und Nächte und braust davon. Und bin ich nicht im Grunde des Herzensfroh darüber? Mein Wesen ist nicht für die Dauer gemacht, so wechselnd, undiszipliniert (...)"
Das Gefühl von Freiheit taucht immer wieder in ihrem Roman auf, gerade im Zusammenhang mit Else Scheels Leben in der Wildnis, aber auch mit Sonja Werners Reise nach B. C und gleichsam in ihrer Vergangenheit. Können Kanadas Westen, Ozean, die gewaltigen Ausmaße der Natur tatsächlich der Inbegriff von Freiheit sein?
Was ist der Unterschied dieser Freiheit zur möglichen Freiheit der Romanfiguren in Sonjas Heimatland Schweiz oder Berlin, der Stadt, die Else Scheel in Richtung Kanada verließ?
Ich finde diese Frage sehr interessant und schwierig zugleich. Ja, ich denke, dass die unfassbare Weite und Ursprünglichkeit der Landschaft in Kanada Freiheit bedeuten kann. Die soziale Kontrolle ist kleiner, man rückt sich nicht so nahe auf den Leib. Else Seel gab aber sicher in Berlin ihre Optionen auf, eine bessere und anerkanntere Dichterin zu werden, sie besaß in der kanadischen Wildnis nicht mehr die Freiheit, sich mit anderen Intellektuellen in direktem persönlichem Kontakt auszutauschen und dadurch als Schriftstellerin zu wachsen. Was Sonja Werner angelangt, die Historikerin und meine Romanfigur, glaub ich, dass ihr der Wohlstand und die Sicherheit in der Schweiz die Freiheit gewähren, in ein fernes Land zu reisen und sich zumindest vorübergehen in Unsicherheit begeben zu können. Denn sie weiß, dass sie zuhause ein soziales Netz hat, das sie immer wieder auffängt.
Wie geht es Ihnen als Reisende zwischen Europa und Kanada?
Sie kommen am Flughafen Vancouver an - was vermissen Sie bereits dort in Bezug auf die Schweiz? Und anders herum: Flughafen Zürich - welche kanadischen Dinge, Eigenschaften, Verhaltensweise hätten Sie gerne aus Kanada mitgebracht?
In Kanada vermisse ich eigentlich nur meine Freundschaften aus der Schweiz, die über viele Jahre gewachsen und immer noch erstaunlich tragfähig und lebendig sind, und meine Familie natürlich: Mutter, vier Geschwister, sechs Nichten und Neffen. Mir gefällt die Zuverlässigkeit der Schweizer. Und ich liebe den Schweizer Schokoladenpudding.
Aus Kanada würde ich die entspannte, freundliche, optimistische Art der Menschen mitbringen und die große Toleranz anderen gegenüber.
Wie kommt der Roman an bei den Lesern in Deutschland und der Schweiz?
Ist eine englischsprachige Veröffentlichung in Kanada geplant?
Bei meiner Leserreise durch die Schweiz und Deutschland stellte ich fest, wie emotional und positiv die Mensche auf die Themen Kanada, Auswandern, Wildnis uns Abenteuer reagieren, und zwar sowohl Frauen wie Männer. Immer wieder sagten mir Zuhörer, sie hätten nun richtig Lust auch in den Fußstapfen der Else Scheel zu reisen. Ich scheine mit meinem Buch also einen Nerv - im positiven Sinne! - getroffen zu haben.
Ich hoffe sehr, dass mein Krimi auch auf Englisch erscheint, ein Verlag in London prüft derzeit eine solche Möglichkeit.
Wie geht es weiter bei Ihnen? Kommen Sie auf Lesereise nach
Deutschland? Lesen wir bald wieder mehr von Ihnen in der Süddeutschen
Zeitung? Oder - ganz ehrlich - haben Sie bereits ein fettes Manuskript
für den nächsten großartigen Roman in der Schreibtischschublade?
Ich
arbeite tatsächlich bereits an meinem dritten Buch, wieder ein
Thriller, der halb in Kanada und halb in Westeuropa spielt. Ich hoffe,
dass ich das Manuskript spätestens in einem Jahr fertig habe. Daneben
bin ich weiterhin als Auslandskorrespondentin tätig, für die
Süddeutsche Zeitung und einige Schweizer Zeitungen.
Am 26. Februar
2008 bin ich wieder in München, denn ich wurde zur Frühjahrsbuchwoche
eingeladen, die unter dem Zeichen „Kanada" steht.
In
„Unter dunklen Wassern" geht es die ganze Zeit um Geheimnisse und viele
indirekte, implizite Tipps, die zu deren Auflösung führen. Zum
Abschluss dieses Gesprächs sind Sie nun an der Reihe. Also: Nennen Sie
uns doch exklusiv einen Ihrer Geheimtipps für Vancouver und Umgebung.
Ich
würde einen Ausflug an die Sunshine Coast vorschlagen, mit der Fähre in
40 Minuten von Horseshoe Bay nach Langdale reisen, in einem der vielen
Bed & Breakfast übernachten, im Naturpark Smuggler Cove wandern und
im Meer schwimmen und dann in Sechelt im urigen Lighthouse Pub auf der
Terrasse über dem Hafen sitzen, den Wasserflugzeugen zusehen und dabei
eine „Captains's Platter" essen, das sind Kammmuscheln, Garnelen,
Austern und Heilbutt.
Vielen Dank für den Tipp und für dieses Gespräch.
Erschienen in der Ausgabe 04/2007 des DKG-Journals, www.dkg-online.de
Der Roman „Unter dunklen Wassern" ist erschienen im Verlag Bloomsbury Berlin www.berlinverlage.de
ISBN 978-3-8270-0724-7, € 19,90.
Weitere Informationen zur Autorin: www.bernadettecalonego.com